„Für mich ist Deutschland mein Zuhause und mein Land.“

Freitag, September 18, 2026


Marie trifft Dr. med. Nana Bimpong-Buta

Manche Sätze stehen für sich. Sie subsumieren ein ganzes Leben, sie beschreiben einen Menschen oder sie skizzieren eine Situation so perfekt, es wäre unnötig, ja beinahe fahrlässig, zu versuchen, sie noch weiter auszuschmücken. Sie brauchen kein Lametta, keinen Kontext, keine zweite Ebene. Denn jede zusätzliche Formulierung macht sie irgendwie nur schwächer. Einer dieser Sätze lautet: „Ich fühle mich heute zu 100 Prozent in Deutschland zu Hause!" Er ist von Nana Bimpong-Buta. Er formuliert ihn auf meine Frage, ob er sich hier zu Hause fühlt. Und die einzige ehrliche Reaktion auf seine Antwort ist, diesen Satz erst einmal stehen und wirken zu lassen, bevor man überhaupt anfängt, über ihn zu schreiben.

Als ich vergangene Woche meinen Text "Make Deutschland Doch Nicht Great Again: Wie wir die AfD einfach mal machen ließen" entwickelt habe, musste ich viel darüber nachdenken, was unser Land vielfältig macht und warum wir Vielfalt dringend benötigen. 

Anreger für meine politische Dystopie, die nach der Wahl in Sachsen-Anhalt entstand, war „Made in Germany - Made by Vielfalt“, ein Zusammenschluss deutscher Familienunternehmen, der sich unter anderem mit Vielfalt und Fachkräften beschäftigt. Schnell war klar: wir wollten nicht theoretisch bleiben. Wir wollten auch echte Geschichten erzählen, echte Gesichter zeigen.

Geradezu prädestiniert für eine echte Sicht auf die Vielfältigkeit "Made in Germany" und damit der perfekte Gesprächspartner für mich ist Nana Bimpong-Buta. Er ist in Bonn aufgewachsen, hat in Deutschland Medizin studiert und arbeitet heute als Kardiologe. In seiner eigenen Praxis für Kardiologie und Prävention behandelt er Patienten, als „Herzensdoc Nana“ erklärt er auf Social Media Medizin, schreibt Bücher und ist als Keynote Speaker unterwegs. Seine Wurzeln liegen in Ghana. Er ist also einer dieser Menschen, bei denen man sich eigentlich ziemlich schnell die Frage stellen könnte, die in Deutschland erstaunlich häufig gestellt wird: Wo kommst du wirklich her? Nana beantwortet sie anders. Für ihn ist die Sache ziemlich klar.

Ja klar, es ist kein „Ich bin ein Berliner" oder „I have a Dream"-Legendensatz. Kein heroisches Zitat für die Ewigkeit, das die Menschheit sich noch in hundert Jahren als Postkarten schicken oder als Wandtattoo in ihre Küchen hängen wird. Was diesen Satz interessant macht, ist etwas anderes. Es ist nicht seine Eindeutigkeit, sondern dass er von jemandem kommt, der nicht in der Theorie spricht. Ich zum Beispiel fühle mich auch in Deutschland zu Hause. Aber ich bin hier geboren, hier aufgewachsen und habe festgestellt, dass für mich sogar ein Umzug aus einem Hamburger Vorort in die Hamburger City dafür gesorgt hat, mich für lange Zeit gar nicht mehr wirklich zu Hause zu fühlen. Eine andere Dynamik, andere Menschen, andere Straßen, die man jeden Tag entlanggeht. Obwohl sie nur 14 Kilometer entfernt waren von genau dem Ort, wo ich behütet meine Kindheit verbracht hatte.

I'm Coming, I'm Coming, I'm here have no Fear, Nana is back, Nana is here!

Nana hingegen hat die tatsächliche Gegenprobe gemacht. Nach seinem Medizinstudium in Bonn ging Nana für drei Jahre in die Schweiz, arbeitete dort, begann einen Teil seiner fachärztlichen Ausbildung, sammelte viele wertvolle Erfahrungen und kam dann zurück. Nicht, weil dort etwas schiefgegangen wäre. Sondern weil ihm ausgerechnet der Abstand zu Deutschland zeigte, was er all die Zeit vermisst hatte: „Gerade durch diesen Blick von außen habe ich aber gemerkt, wie sehr ich Deutschland schätze und tatsächlich auch vermisst habe", erzählt er. Es gelingt ihm bemerkenswert gut, sehr konkret zu beschreiben, was genau er damit meint: „ein unglaublich starkes Fundament, eine sehr gute Ausbildung, hohe medizinische Standards, verlässliche Strukturen, Sicherheit, Planbarkeit und die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln." Vor allem aber habe er hier das Gefühl gehabt, „nicht nur beruflich wachsen, sondern wirklich etwas aufbauen und gestalten zu können, das bleibt". Ein Unterschied, den man vermutlich nur versteht, wenn man in einem anderen System schon einmal ausprobiert hat, ob es sich anders anfühlt. Wenn man gespürt und erlebt hat, an welcher Stelle diese wichtigen Parameter an anderen Orten fehlen.

Dieses Gefühl hat Nana nachhaltig begleitet. Es war keine Momentaufnahme, sondern eine Quintessenz aus realen Erfahrungen über mehrere Jahre. Und es blieb. Bis heute merkt er diesen Unterschied jedes Mal, wenn er von einer Reise zurückkommt: „Wenn ich in Düsseldorf, Köln oder an einem anderen deutschen Flughafen lande, habe ich sofort dieses Gefühl von Ankommen. Ich freue mich dann wirklich, wieder hier zu sein." Kein Umweg, keine Bedingung, kein Aber. Für ihn ist Deutschland, wie er es nennt, einfach „mein Zuhause und mein Land".

Die bessere Nachricht über Deutschland

Was Nanas Weg und seine Sicht auf unser gemeinsames Land interessant macht, ist nicht in erster Linie, dass er zurückgekommen ist. Es ist, dass er von einem Ort spricht, „an dem Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln ihren Weg machen können". Und das zu einem Zeitpunkt, an dem über Zugehörigkeit, Migration und die Frage, wer eigentlich zu Deutschland gehört, politisch wieder sehr grundsätzlich gestritten wird.

Nana kennt die Diskussionen und die Schlagzeilen. Seine Antwort darauf fällt trotzdem erstaunlich unaufgeregt aus. Wenn ihn jemand aus dem Ausland fragen würde, ob er nach Deutschland kommen und sich hier eine Karriere aufbauen sollte, würde er sagen: „Go for it! Komm her und schau es dir selbst an. Lass dich nicht nur von Schlagzeilen oder Diskussionen abschrecken, sondern mach dir dein eigenes Bild." Es ist eine ziemlich bemerkenswerte Antwort für jemanden, der Deutschland nicht aus der Distanz beurteilt, sondern sich nach einem Aufenthalt im Ausland ganz bewusst dafür entschieden hat, zurückzukommen.

Die Kunst, genau hinzusehen

Geprägt hat Nana vor allem seine Zeit in Ghana. Dorthin reiste er im Rahmen seiner Ausbildung mehrfach und blieb auch eine Weile. An der Universitätsklinik in Accra arbeitete er mehrere Monate. Beruflich machte er dort viele Beobachtungen. Medizinische Diagnostik steht dort beispielsweise nicht in derselben Breite und Geschwindigkeit zur Verfügung wie in Deutschland. Ein CT oder MRT sind nicht automatisch griffbereit, und genau dieser Mangel hat bei ihm etwas verschoben, das in einem gut ausgestatteten System leicht in den Hintergrund gerät: „Gute Arbeit hängt nicht nur von Technik, Ausstattung oder perfekten Bedingungen ab, sondern sehr stark davon, wie genau man hinschaut, wie man mit Menschen umgeht und wie man mit dem arbeitet, was gerade da ist."

Bis heute verbindet er die körperliche Untersuchung deshalb bewusst mit moderner Diagnostik. Und er hat aus dieser Zeit noch etwas mitgenommen, das ihn womöglich mehr prägt als jede einzelne Diagnosemethode: „Medizin ist für mich deshalb nicht nur Diagnostik und Therapie, sondern immer auch Beziehung, Vertrauen und Kommunikation."

Aus genau dieser Fähigkeit, Kompliziertes einfach zu sagen, ist irgendwann fast beiläufig ein zweiter Beruf entstanden. Der Anstoß kam von einem seiner Patienten, Faton Cakaj, der selbst Medizin und später Regie studiert hatte und der, nachdem Nana ihm in der Sprechstunde etwas ausführlich und in aller Ruhe erklärt hatte, nur einen Satz sagte: „Du musst auf Instagram."

Nanas erste Reaktion war wenig euphorisch: „Was soll ich da machen? Mich im Kreis drehen und tanzen?" Er wusste nicht viel über Social Media damals, er startete aber trotzdem. Und zeigte einfach genau das, was er in seinen Sprechstunden ohnehin schon tat, nur jetzt eben vor einer Kamera. Das erste Video wurde noch am selben Tag rund eine Million Mal gesehen. Heute sind daraus Praxis, Podcast, Bücher und ein wachsender YouTube-Kanal geworden, durch die sich, wie er selbst sagt, immer derselbe Gedanke zieht: „komplexe Medizin in einfache Worte übersetzen".

Vielfalt beginnt mit einem anderen Blick

Auch in seiner medizinischen Arbeit erlebt Nana, dass unterschiedliche Blickwinkel etwas sichtbar machen können, das allein leicht übersehen wird. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, beruflichen und persönlichen Hintergründen nehmen dieselbe Situation manchmal komplett anders wahr. Ein Blick, ein Tonfall, ein Schulterzucken werden unterschiedlich gedeutet. Und kommen diese Wahrnehmungen im Team offen zusammen, entsteht daraus, wie Nana es beschreibt, ein Effekt, der sich unmittelbar auf seine Arbeit auswirkt: „Genau dadurch kann Medizin individueller, menschlicher und am Ende auch besser werden."

Seine Definition von Vielfalt bleibt dabei gleichzeitig bemerkenswert unpathetisch: „Es geht nicht darum, dass eine Perspektive besser ist als die andere, sondern darum, dass verschiedene Blickwinkel zusammenkommen." Und weil ihm das nicht nur für sein Fach oder für Wissenschaft, sondern für das ganze Land, für eine ganze Gesellschaft gilt, ergänzt er: „Manche Perspektiven erschließen sich einem eben nicht von selbst. Man braucht Begegnung, Austausch und Menschen, die Dinge anders erlebt haben."

Bis hierhin könnte man das alles als ziemlich vernünftige Theorie über Vielfalt lesen. Dann erzählt Nana von seiner eigenen Praxis. Dort arbeitet inzwischen ein nigerianischer Arzt, der aktuell noch als medizinischer Fachangestellter tätig ist, während er auf die Anerkennung seiner Approbation wartet. Plötzlich bekommt die Debatte über internationale Fachkräfte einen sehr konkreten Ort. Nämlich eine Arztpraxis. Und die ist nur ein Beispiel für eine Herausforderung, die längst viele Branchen betrifft: Deutschland fehlen Fachkräfte, während Menschen, die ihre Fähigkeiten hier einbringen wollen, teilweise auf komplizierte Verfahren und hohe bürokratische Hürden treffen. Genau solche Zusammenhänge sind auch ein Grund, warum sich Stimmen wie „Made in Germany – Made by Vielfalt“ in die Debatte einmischen.

Nana stellt an keiner Stelle infrage, dass es für einen Beruf wie den eines Arztes klare Regeln und Standards geben muss. Im Gegenteil, gerade in der Medizin hält er das für richtig. Aber er benennt auch, was zwischen der politischen Forderung nach mehr internationalen Fachkräften und dem tatsächlichen Versuch liegt, hier als Arzt zu arbeiten. Aus seiner eigenen Praxis kennt er die Hürden: „Deutschland bietet viele Chancen, aber gerade am Anfang können Sprache, Anerkennungsverfahren, Fachsprachprüfungen und die gesamte Organisation sehr komplex sein."

Sein Vorschlag klingt dabei angenehm unideologisch, fast schon technisch. Sein Rat an Deutschland lautet: „Struktur und Verlässlichkeit erhalten, aber unnötige Komplexität reduzieren." Das ist dann doch etwas anderes als ein abstraktes Plädoyer für Vielfalt. Denn plötzlich geht es nicht mehr um einen abstrakten Begriff oder um eine politische Debatte. Es geht um einen Menschen, der bereits da ist und arbeiten möchte.

Wie viel Heimat passt in ein Herz?

Erst spät in unserem Austausch kommt Nana auf seine Herkunft zu sprechen. Das ist vermutlich kein Zufall, sondern genau der Punkt, um den es ihm geht: „Ich selbst fühle mich ganz klar als Deutscher. Wenn ich die deutsche Fahne sehe, denke ich: Das ist mein Land." Da ist Nana fast schon ein Vorzeige-Patriot. Im nächsten Satz, ohne Bruch, ohne Widerspruch: „Gleichzeitig habe ich internationale Wurzeln, und genau diese Kombination empfinde ich als Bereicherung."

Zwei Sätze, die in vielen politischen Debatten als Gegensatzpaar behandelt werden, stehen bei ihm einfach nebeneinander. So selbstverständlich, dass man sich fragt, warum das anderswo überhaupt zum Streitpunkt wird. Wenn Nana über die Zukunft Deutschlands spricht, geht es ihm vor allem um eine Frage, die er anders stellt, als sie meistens gestellt wird: „Fortschritt entsteht für mich dort, wo jemand eine gute Idee hat und dann dafür ein Umfeld findet, das hilft, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen."

Bei einem Kardiologen liest sich sein Wunsch, Deutschland möge „sein Herz vielleicht sogar noch weiter öffnen", fast wie eine Berufskrankheit im besten Sinn. Sein neues Buch „Strong Heart" erscheint am 23. September.

Sein eigentlicher Schlusssatz ist dabei angenehm unspektakulär: „Wenn Menschen merken, dass sie hier wirklich etwas aufbauen können, bleiben sie eher und schlagen Wurzeln."

Nana ist selbst ein Beispiel dafür. Und solange in seiner eigenen Praxis die Anerkennung der Approbation eines internationalen Kollegen noch aussteht, bleibt die Frage, die sich Nana für Deutschland wünscht, keine rein rhetorische: „Was geht nicht?", sondern vor allem auch: „Was ist möglich?"

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit „Made in Germany – Made by Vielfalt“ entstanden, einem Zusammenschluss deutscher Familienunternehmen, der sich unter anderem mit Vielfalt und Fachkräften beschäftigt.

 

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