Es gibt Orte, an denen ich nie schlechte Laune haben kann. Buchhandlungen gehören dazu. Vielleicht liegt es an dem spezifischen Geruch. Vielleicht an der kollektiven Stille, die trotzdem lebendig ist. Oder daran, dass ich in Buchhandlungen grundsätzlich das Gefühl habe, gleich eine bessere Version von mir selbst zu werden - nur um dann zu Hause viel zu viele neue Bücher anzufangen und keins davon zu Ende zu lesen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Als ich nach Hamburg gezogen bin, war eine der ersten Buchhandlungen, in die
ich gegangen bin, die Bücherstube Stolterfoht. Sie liegt direkt an der
U-Bahn-Station Hallerstraße, in einem kleinen Pavillon aus Holz und Glas, der
ein bisschen aussieht wie ein altes Gewächshaus. Nur dass dort keine Tomaten
wachsen, sondern Bücher.
Damals war die Buchhandlung ungefähr 50 Meter von meiner Wohnung entfernt.
Also bin ich ziemlich oft hingegangen. Ich habe dort unter anderem Bücher von
Bret Easton Ellis gekauft, bin aber auch einfach mal reingegangen, ohne genau
zu wissen, was ich eigentlich suche. Das ist eine der Sachen, die ich an
Buchhandlungen mag: Man kann mit einer ziemlich konkreten Absicht hineingehen
und trotzdem mit etwas völlig anderem wieder herauskommen.
Buchhandlung als Familienort, Datingtipp und Charaktertest
Heute gibt es hier bei uns um die Ecke wieder eine Buchhandlung, in die wir gerne mit Luca gehen. Für ihn ist das noch ein bisschen wie ein Spielplatz für Bücher. Er schaut sich die Bilder an, zieht Bücher aus den Regalen und findet meistens mindestens eines, das er unbedingt haben möchte. "Können wir dieses Buch mal kaufen, Mama?". Für uns ist es schön, ihn dabei zu beobachten. Zu sehen, wie er anfängt, sich seine eigenen Geschichten auszusuchen.
Und eine Buchhandlung ist auch ein ziemlich guter Ort für ein Date. Man kann
gemeinsam durch die Regale schlendern, sich gegenseitig Bücher zeigen - und
dabei ganz nebenbei herausfinden, wie der andere so tickt. Wer sich
beispielsweise freiwillig in die True-Crime-Abteilung stellt, liefert damit
schließlich eindeutige Informationen über sich. Wer zur Selbsthilfe greift:
ebenfalls. Und wer Hermann Hesse aufschlägt: Heirat nicht ausgeschlossen.
Ich mag diese kleinen Begegnungen, die in Buchhandlungen entstehen. Eine
Empfehlung von jemandem, der dort arbeitet. Ein Buch, das einem auffällt,
obwohl man eigentlich nur schnell etwas abholen wollte. Eine Lesung, bei der
man mit Menschen ins Gespräch kommt, die man sonst vermutlich nie getroffen
hätte. Ein Cover, das so außergewöhnlich ist, dass man das Buch kauft, ohne
einen blassen Schimmer davon, wovon es handelt.
Ich muss mich nicht zwischen Bequemlichkeit und lokalem Buchhandel
entscheiden. Ich kann beides haben.
Natürlich ist es bequem, Bücher online zu bestellen. Ich mache das selbst. Und
genau deshalb finde ich genialokal so sinnvoll: Ich kann mein Buch online
bestellen und dabei trotzdem eine Buchhandlung vor Ort unterstützen. Ich wähle
bei der Bestellung eine Buchhandlung aus, die tatsächlich existiert - und
diese Buchhandlung erhält ihren Anteil. Ich muss mich also nicht zwischen
Bequemlichkeit und lokalem Buchhandel entscheiden. Ich kann beides haben.
In der Summe macht es einen Unterschied, wo mein Geld landet. Buchhandlungen
verkaufen nicht nur Bücher. Sie gehören zu einem Viertel, einer Stadt, zu
unserem Alltag. Sie sorgen dafür, dass Innenstädte nicht irgendwann nur noch
aus denselben Ketten, Cafés und Leerständen bestehen.
Ich möchte jedenfalls nicht irgendwann mit Luca an einem ehemaligen Buchladen
vorbeigehen und ihm erzählen, dass hier früher eine Buchhandlung war, in die
wir gerne gegangen sind - und jetzt ist da halt der 34. DHL-Shop in unserem
Kiez.
Und wenn wir Zeit haben, gehen wir trotzdem selbst hin. Wer weiß, vielleicht
wachsen dort irgendwann neben den Büchern auch wieder ein paar Tomaten.





