Meertot auf dem Mittelhirn – 7 Tage auf der Aida Teil II

Dienstag, März 15, 2016

Episode II der "Hirntot auf dem Mittelmeer"-Trilogie

Eines der grandiosesten Events auf der AIDA ist die Disko-Nacht „Alpenglühen“. Schon beim Abendessen drängeln sich fesche, knallbunte Roben um die Buffet-Inseln, um sich adäquat für den langen Abend deutscher Volkstümlichkeit zu stärken. Sätze wie „Nää, was ist denn Kohddon Plöh“ oder „haben die nicht was klassisches Deutsches, eine schöne Schinkenpizza oder so?“ erfüllen die Bordrestaurants mit epischen Kleinoden deutscher Urlaubsprosa.

Natürlich lasse ich mir dieses Sensationsevent nicht entgehen. Ich trotze der Aloe Vera Massage im AIDA-Spa und auch dem Bingo-Abend mit einem „mindestens vierstelligen Hauptgewinn“ und begebe mich investigativ in die Höhle des Löwen, oder sagen wir, des Wendlers: „Alpenglühen – Deutsches Liedgut zum mitsingen, tanzen und schunkeln“. Um dabei meinem Ruf als Miesepeter des Mittelmeers gerecht zu werden, schmeiße ich mich in meinen schönsten Hoodie, streife mir die Kapuze über die Ohren und schlendere erwartungsfroh zum Top-Event des zweiten Abends auf der Kreuzfahrt in die Klischeehölle.

Atemlos durch die Gracht

Schon in der Vorhalle zur AIDA-Disko bohrt sich mir der erste lautstark mit gegrölte deutsche Schlager in die Gehörgänge: „Sweet Home Alabama“. Die AIDA steht kurz vor Venedig und ich vor einem Rätsel: Wie kommt Deutschland heute Nacht ganz ohne Leggings aus? Die sind nämlich in jedem Fall alle hier versammelt und umschmeicheln die Oberschenkel einer sich zu „Atemlos durch die Nacht“ oder „Komm, hol Dein Lasso raus, wie spielen Cowboy und Indianer“ auf der Tanzfläche wabernden Masse.

Aus Angst davor, dass einer der deutlich in der Mehrheit befindlichen Männer ebenfalls auf die Idee kommen sollte, sein Lasso raus zu holen, versuche ich, möglichst unbemerkt einen Sessel zu ergattern, von dem aus ich dem Schauspiel aus einem gewissen Sicherheitsabstand beiwohnen kann. Aber wie sicher kann es sein, wenn im Minutentakt betrunkene Zahnarzthelferinnen aus Bamberg „Sie liebt den DJ“ kreischend über Deine Beine stolpern?

Ein paar Apfelsaftschorlen später lasse ich Deutschlands Urlaubselite mit „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“ in der Disco zurück, nicht ohne gefühlten 400 Frührentnern in bunten Polohemden aus dem Weg gehen zu müssen, die ihr Handy am Gürtel und ihr promillegetränktes Herz auf der Zunge tragen und sich sicher sind, ich wollte „Samba, Samba die ganze Nacht!“ mit ihnen tanzen.

Wetten, dass ich in jede Kolumne Til Schweiger einbauen kann?

Ich schleiche mich langsam aus der Disco und erreiche das Sonnendeck. Wo vor einigen Stunden noch Ballermann artige Massenhysterie ob der ersten paar Sonnenstrahlen herrschte und sich die Decks 4 bis 8 (knapp 1.400 Passagiere) vollzählig auf die vorhandenen Liegen (knapp 250) verteilten, um bei 14 Grad (durch Wind gefühlte 8 Grad) ein wenig Sommerfeeling im Januar aufkommen zu lassen, ist jetzt totenstille. Ich habe schon Horrofilme gesehen, die in etwa so angefangen haben.
Dennoch schaffe ich es unbehelligt bis auf das vorderste Oberdeck, auch wenn ich mich in dieser stillen, dunklen, surrealen Einöde schon von einem kleinen Mann mit lustiger Maske und Dreirad gefangen sah, der mich und die 5 anderen Passagiere unter 40 in einen Maschinenraum sperrt und uns erst dann gehen lässt, wenn wir uns gegenseitig unsere 200 Lieblingswitze von Willi Arsan erzählt haben. Willi hatte übrigens auch den zweiten Abend an Deck mit einer launigen „Late Night Show“ im Theatro zu einem Erlebnis aus Gedankenspielen wie „Muss das sein?“ oder „Ach cool, den hatte mein Vater mir vor 20 Jahren auch mal erzählt!“ gemacht.

Oben an Deck, vor mir nur ein ziemlich düsteres Mittelmeer und das sich monoton wiederholende Geräusch des Bugs, der auf die nächste Welle trifft, wiege ich im Takt des Meeres seicht auf und ab. Sehen kann man nicht viel, es ist auch nicht aufregend, man spürt nichts, hin und wieder spritzt einem ein Tropfen Flüssigkeit ins Gesicht und am Ende fragt man sich, ob das nun dieses große Abenteuer sein soll, von dem alle immer reden. Alles in allem irgendwie wie Sex mit Til Schweiger.


Überwältigt von der Stringenz meiner eigenen romantischen Anwandlung wische ich mir heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel und entschwebe zurück in den Korpus des Ozeanriesen, der mich mit einer Horde durchgedrehter, völlig betrunkener Amateurfussballer empfängt. Ich habe scheinbar diesen Detektor in mir, der mich zielsicher immer genau da hin treibt, wo man mit absoluter Sicherheit den Abend verfluchen wird. Auf Parties gelingt es mir in atemberaubender Regelmäßigkeit, exakt in die Arme des einen Gastes zu laufen, der gerade 25 Kilo abgenommen, ein Kind bekommen oder mit dem Rauchen aufgehört hat, und der Welt mitteilen möchte, dass es ab jetzt nur noch ein einziges Gesprächsthema gibt.

Verpassen Sie also nicht Teil drei meiner MobileGeeks AIDA Trilogie („Bar Wars – Das Imperium trinkt zurück“), in dem es endlich um knallharte Fakten geht und die auch mit dem Gerücht aufräumen wird, eine Kreuzfahrt auf der AIDA und die daraus resultierende Kolumne einer mittelmäßig literarisch begabten Autorin hätten nichts mit einem Techblog zu tun. Nur so viel vorab: Wie nennt man das, wenn ein Schiff aufgrund einer neuen Steuertechnologie, die eklatante Fehler aufweist, stets viel zu weit nach links fährt? Genau! Bugbord.

Auf AIDAsehen!

 

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